Petersburg und Umgebung um ca. 1902. Klicke auf die Karte, um sie vergrößert anzusehen.
Sankt Petersburg, einst die Hauptstadt des Landes, ist bis heute ein bedeutendes kulturelles und intellektuelles Zentrum, geprägt durch ihre barocken und neoklassizistischen Bauwerke. Im 20. Jahrhundert erlebte die Stadt dramatische Ereignisse, von der Oktoberrevolution bis zur Leningrader Blockade.

Zeitstrahl

1703

Gründung von St. Petersburg

Anfang des 18. Jahrhunderts

Die ursprünglich in einem unbewohnten Sumpfgebiet im Nordwesten des Landes errichtete Stadt liegt an der Mündung des Flusses Newa an der Ostsee. Der russische Zar Peter I. ließ hier die erste Großstadt Russlands „am Meer“ entstehen – ein Zusammenhang, der die vielen städtischen Legenden und Mythen prägen sollte. Ein wichtiger Geburtshelfer der Stadt war zudem ein Krieg – Anfang des 18. Jahrhunderts bekriegten sich Russland und Schweden um den Zugang zur Ostsee und ihren Häfen. Der Große Nordische Krieg (1700–1721), in dem Russland sich gegen Schweden behaupten konnte, formte Petersburg als „Hauptstadt aus dem Nichts“. In den späteren Jahrhunderten wurde dieser Entstehungskontext als Öffnung des „Fensters nach Europa“ romantisiert.


Porträt Peters I

Bis 1917

Hauptstadt des Russischen Zarenreichs

18. bis 20. Jahrhundert

St. Petersburg war vom 18. bis ins 20. Jahrhundert die Hauptstadt des Russischen Zarenreiches und spielte zusammen mit Wien, London, Paris und Berlin in einer großimperialen Liga.

Znamenskaya Platz, Sankt Petersburg
Znamenskaya Platz, Sankt Petersburg, 1909-1914

1917

Wiege der Revolution

Nach dem Zerfall des russischen Imperiums durch die Russische Revolution 1917 gewann die Stadt einen neuen Gründungsmythos hinzu: Sie wurde zur Wiege der ersten sozialistischen Revolution auf Erden und somit zum Sehnsuchtsort aller Linken im Westen.

Einnahme des Winterpalastes
Ein Standbild aus einem Spielfilm über die Einnahme des Winterpalastes im Oktober 1917

1924

Umbenennung in Leningrad

St. Petersburg hieß ab 1924 Leningrad, zu Ehren des Anführers der Kommunistischen Partei Russlands Vladimir Lenin. Im Russischen Bürgerkrieg verlor sie ihren Hauptstadtstatus an Moskau. Die gegenseitigen Ressentiments zwischen den Leningradern und Moskauern wurden seitdem als kulturelle Codes hier und dort angeeignet, nicht zuletzt, weil sie seitens der Moskauer Parteielite zu den gewalttätigen politischen Säuberungen an den Leningradern führten.

22.06.1941

Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion

Die deutschen Truppen erzielten anfangs große militärische Erfolge und drangen schnell ins Landesinnere vor.

29.06.1941

Evakuierung von Kindern

In den ersten Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verabschiedete das Leningrader Stadtexekutivkomitee am 29. Juni 1941 einen Beschluss „Über den Abtransport von Kindern aus Leningrad in die Leningrader und Jaroslawler Gebiete“. 390.000 Kinder sollten aus der Stadt herausgebracht werden. Am gleichen Tag wurden etwa 15.000 Kinder in zehn Zügen evakuiert. Als die Eisenbahnverbindung am 27. August unterbrochen wurde, hatten bereits 488.703 Leningrader die Stadt verlassen meistens in Kindergarten- und Schulkollektiven sowie Kinder aus Kinderheimen.
08.09.1941

Beginn der Blockade und des Hungers

Mit der Schließung des Blockaderings am 08. September wurden alle Versorgungslinien von Leningrad abgeschnitten. Die Versorgung war nur noch über den Ladogasee möglich. Durch Luftangriffe wurde ein Großteil der Nahrungsmittelvorräte vernichtet, zudem brach der Winter ungewöhnlich früh ein. Die Rationen sanken im Oktober auf 400 Gramm Brot für Arbeiter, 200 Gramm für Kinder und Frauen.

Leningrad, 1941/43
Transport eines Toten über den Prospekt, 25. Oktober, Leningrad, 1941/43

19.11.1941

Straße des Lebens

Zur weiteren Evakuierung wurde am 19. November 1941 die Einrichtung der Autostraße über den Ladogasee vom Militärrat der Leningrader Front entschieden. Die erste Autokolonne ging bereits am 22. November über das Eis. Sie brachte Menschen heraus und Brot in die Stadt hinein. Doch es fehlte an Autos, die die Menschen über den See transportieren konnten. Leningrader mussten in den Siedlungen am Westufer von Ladogasee tagelang ausharren, einige versuchten, selbständig zu Fuss auf die gegenüberliegende Seite des Sees zu gelangen und erfroren unterwegs.

20.11.1941

Beginn des Hungerwinters

Am 20. November 1941 wurden die Brotrationen von 250 Gramm auf nur noch 125 Gramm reduziert. Außerdem herrschten Temperaturen von bis zu −40 Grad Celsius, während Heizmaterial gleichzeitig äußerst knapp war. Allein im Dezember 1941 starben rund 53.000 Menschen. Viele von ihnen fielen einfach vor Entkräftung auf der Straße um.
Januar 1942

Evakuierung der Stadtbevölkerung

An Erwachsenen evakuierte man in erster Reihe Facharbeiter, Ingenieure, Betriebsverwalter, Sowjet- und Parteibeamte. Bis zur Eröffnung der „Straße des Lebens“ über den Ladogasee wurden Leningrader per Schiff und Flugzeug aus der Stadt evakuiert. Somit war die Zahl der Evakuierten begrenzt: ca. 30.000 gelang es, die eingekesselte Stadt zu verlassen.

Erst Ende Januar 1942 begann dann die Massenevakuierung über die Autostraße auf dem zugefrorenen Ladogasee. Sie funktionierte bis April 1942. Der Weg der Evakuierten ging über mehrere Stationen und war ungemein mühsam und riskant. Besonders gefährlich war die Fahrt mit der Bahn von Leningrad bis zum Ladogasee: Die Züge wurden gnadenlos von Deutschen beschossen und bombardiert. Die unbeheizten Züge mit ausgemergelten, erschöpften Menschen konnten sich nur langsam fortbewegen − viele starben unterwegs. Insgesamt wurden auf den Eisenbahnstationen Borisova Griva und Ladozhskoe Ozero fast 3.000 Menschen, die in den Zügen starben, beigesetzt. Jene, die lebend ankamen, verbrachten weitere Stunden und gar Tage beim Warten in den kalten Wartehallen der Eisenbahnstation auf die Autos, die sie über den Ladogasee transportierten.

Evakuierung von Menschen
Evakuierung von Menschen aus dem belagerten Leningrad

Bis April 1942

Weitere Evakuierungen

Zweite Welle der Evakuierung über den Ladoga-See (ca. 650 Tausend Menschen verließen die Stadt).

09.08.1942

Leningrader Sinfonie

Uraufführung der Leningrader Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch (7. Sinfonie in C-Dur) in der Leningrader Philharmonie.  Die Vorstellung wurde in der ganzen Sowjetunion übertragen und über Kurzwellenradio auch ins restliche Europa und in die USA. Dieses dramatische Musikstück trauerte um die Opfer und ehrte den militärischen Widerstand der Stadt.

Herbst 1942

19. August bis 10. Oktober 1942

Versuche der Roten Armee, nun unter Leitung des Generals Leonid Goworow, die Stadt zu befreien. Die Deutschen können ihre Positionen jedoch halten.

18.01.1943

„Operation Iskra“

Die Rote Armee kann die deutschen Befestigungsanlagen überwinden und die Blockade durchbrechen („Operation Iskra“): Die Leningrader Front kann sich mit dem Wolchower Front vereinen. Ein schmaler Luftkorridor in die Stadt wurde geöffnet.

Januar 1944

Ende der Blockade

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Stadt insgesamt 871 Tage lang von deutschen Truppen belagert. Die Belagerung der Stadt, die keinem militärischen Ziel folgte, wird in der deutschen Zeitgeschichte als Teil des Raub- und Vernichtungskriegs im Osten thematisiert. Hier sollte die Bevölkerung gezielt ausgehungert werden.

27.01.1944

Befreiung

Der deutsche Belagerungsring kann endgültig aufgebrochen werden. Die 18. Armee der Wehrmacht zieht sich zurück. Die Stadt feiert ihre Befreiung mit einem Feuerwerk.


Leningrader beim Feuerwerk aus Anlaß des Kriegsendes, Leningrad, 9. Mai 1945.

Sommer 1944

Juni 1944 – August 1944

Im Norden werden die Finnen zurückgedrängt.

Mai 1945

Am 1. Mai 1945 wird Leningrad neben Odesa, Sewastopol und Stalingrad zur Heldenstadt ernannt.
Mai 1945

Sieg der Alliierten

Am 8. und 9. Mai 1945 erfolgte in Berlin die bedingungslose Kapitulation NS-Deutschlands.

1946

Eröffnung des ersten Blockade-Museums in Leningrad.

1952

Im Zuge der politischen Säuberungen der Stadtführung durch Stalin, bekannt als die “Leningrader Affäre”, wurde das Blockade-Museum liquidiert.

1960

Am 9. Mai 1960 wurde die Gedenkstätte Piskarevo mit einem Ehrenfriedhof für die etwa 600 Opfer der Blockade eröffnet.

1965

Am 8. Mai 1965 wurde Leningrad mit dem Lenin-Orden und dem Goldenen Stern ausgezeichnet, der höchsten sowjetischen Ehrung für eine Stadt im Zweiten Weltkrieg.

1989

Blockademuseum

Am 23. Januar 1989 wurde die Auszeichnung „Für den Bewohner der belagerten Stadt Leningrad“ ins Leben gerufen, eine Ehrung für Zivilisten, die während der Blockade Leningrads in der Stadt eingeschlossen waren.

Im selben Jahr erfolgte die Wiedereröffnung des Blockademuseums.

1991

Rückbenennung in St. Petersburg

Am 06. September 1991 wurde Leningrad wieder in St. Petersburg umbenannt.
2008

Erstmalige Entschädigung für Blockadeopfer

Erste deutsche Entschädigung für die Blockadeopfer, jedoch nur für die jüdischen Überlebenden.

2019

Blokadniki-Krankenhaus

Zusage des deutschen Außenministeriums für zwölf Millionen Euro für ein Hilfsprojekt in der Stadt.

Heute

Erinnerung heute

Mittlerweile hat die Erinnerung an die Blockade Leningrads (1941–1944) den sowjetischen Revolutionsmythos abgelöst: Das Gedenken an die Opfer der Blockade wurde neben dem imperialen Erbe zum wichtigen Bestandteil der städtischen Identitätspolitik. Heute zählt St. Petersburg ca. 5 Millionen Einwohner:innen. Ihre historische Innenstadt mit 2.300 Palästen, Kathedralen und Schlössern ist Weltkulturerbe der UNESCO und in dieser Hinsicht weltweit nur noch von Venedig übertroffen.

Straße des Lebens
Denkmal “Straße des Lebens”