Serafima Ayzenberg

Serafima Ayzenberg wurde 1937 in Leningrad geboren. In der belagerten Stadt verbrachte sie mit ihrer Mutter, dem jüngeren Bruder und der neugeborenen Schwester die ersten zehn Monate – die schrecklichste Zeit der Blockade. Im Sommer 1942 wurde die Familie nach Usbekistan und danach nach Kirgisistan evakuiert.
Anna Michajlowa

Ich war viereinhalb Jahre alt, als der Krieg anfing. Mein Vater wurde eingezogen und meine Mutter blieb allein mit drei Kindern in der Stadt. Ich war die Älteste, mein Bruder war drei und dann noch meine neugeborene Schwester. Für das Baby bekam meine Mutter in der „Milchküche“ Milch.1 Mit dieser Milch und etwas Brot – 125 Gramm pro Person – haben wir irgendwie überlebt. Die ersten zehn Monate der Blockade waren wir noch in der Stadt, das war die allerschlimmste Zeit. Die Fotografie meiner Mutter Betja ist für mich wie eine Ikone, hier habe ich sie. Eine Urkunde der Evakuierung habe ich auch noch da, hier steht, dass wir drei mit unserer Mutter um die und die Zeit abreisen müssen, mit Abfahrtsort und Wagennummer…

Ich lebte zehn Monate lang in der belagerten Stadt.”

Während des Krieges ging ich selbstständig in den Kindergarten, nicht weit von uns. Eines Tages, als ich im Kindergarten die Treppe hinaufstieg, klirrten und zerbrachen plötzlich im ganzen Haus die Fenster. In der Nähe hatte es eine Explosion gegeben. Die Druckwelle war so stark, dass in dem Haus, in dem der Kindergarten untergebracht war, alle Fensterscheiben rausflogen. Ich hatte so viel Angst, dass sich dieser Augenblick für immer in mein Gedächtnis einbrannte.

Als wir evakuiert wurden, wurde unser Zimmer in der Gemeinschaftswohnung versiegelt und wir fuhren nach Taschkent.2 Ich erinnere mich, wie der Zug einmal an einer Station anhielt und alle mit ihren Kannen und Kesseln losgingen, um warmes Wasser zu holen. Plötzlich ertönten die Sirenen und wir wurden von deutschen Flugzeugen beschossen, alle liefen in unterschiedliche Richtungen. Das war sehr beängstigend. So, unter Bombenangriffen, haben wir einen ganzen Monat gebraucht, um bis nach Taschkent zu kommen.

Wir kamen an einem warmen, sonnigen Tag an und wurden am Bahnhof mit Blumen und Weintrauben empfangen. Bis dahin hatten wir noch nie Weintrauben gesehen, geschweige probiert. Sie waren unbeschreiblich lecker!

Wir wurden wie Helden empfangen. Das kann man auch laut sagen, dass meine Mutter eine Heldin war, denn sie hat diese anstrengende, einen Monat lang dauernde Reise mit drei kleinen Kindern überstanden, ganz allein.

Danach mussten wir weiterfahren, in die Stadt Osch in der Kirgisischen Sowjetrepublik. Das war bereits Ende 1942. In dieser Stadt wurde uns ein kleines Lehmhaus zugewiesen. Als es stark zu regnen anfing, brach das Dach durch. Unter solchen Bedingungen lebten wir in der Stadt Osch. Meine kleine Schwester ist dort gestorben, sie war noch ein Säugling.

1944 fand uns dort mein Vater, nachdem er wegen einer Verletzung aus dem Kriegsdienst entlassen worden war. Im selben Jahr bekam ich noch eine Schwester. Ich wurde sieben Jahre alt und kam dort in Osch in die Schule. Ich kann mich kaum daran erinnern, wie ich in der Schule war und was wir dort gelernt haben. Ich erinnere mich aber gut daran, dass wir in den Pausen ein kleines Stück Schwarzbrot bekamen, und das fanden wir köstlich. Wie gern wir diese Stücke Brot gegessen haben! Schulhefte hatten wir keine, nur Zeitungsfetzen, auf deren Rändern wir Buchstaben schrieben. In Leningrad musste ich die erste Klasse wiederholen.

In Osch blieben wir bis Kriegsende und gingen danach wieder zurück nach Leningrad in unser Zimmer. Alle Fenster waren kaputt. Hauptsache war aber, dass wir ein Dach über dem Kopf hatten.

Über meine Eltern zu sprechen ist schwer, denn wir waren keine glückliche Familie. Mein Vater war Schuhmacher und arbeitete in seiner Schusterei. Meine Mutter konnte ein wenig schreiben und lesen, sie war Hausfrau, verdiente aber als Putzfrau noch etwas dazu. Mein Vater kümmerte sich nicht um uns und behandelte meine Mutter schrecklich – es gab endlose Schimpfereien. Meine Mama, Betja, hat uns allein aufgezogen, so gut sie konnte. Und sie hat sehr viel gelitten: sie hat die Blockade überlebt und nach dem Krieg dann mit einem Ehemann gelebt, der sie verachtet hat. Sie hat nicht lange gelebt…